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Begegnungen wider ein Vorurteil


Das Vorurteil ist weit verbreitet: Amerikaner sind furchtbar oberflächlich. Logisch, wenn dich die Verkäuferin im Geschäft mit «How are you doing?» begrüsst, will sie nicht wirklich wissen, wie es dir geht. Und die ausgeprägte Freundlichkeit des Servierpersonals hängt stark damit zusammen, dass dessen Einkommen zum grössten Teil vom Trinkgeld abhängt. Trotzdem ist mir ein wegen des Trinkgelds motivierter Kellner deutlich lieber als ein mürrischer, wie man ihn bei uns nicht gerade selten antrifft.

Tatsache ist, dass man in den USA selbst als eher zurückhaltender Mensch oft ins Gespräch kommt. Auch wenn aus den Zufallsbekanntschaften selten Freunde fürs Leben werden, sind es oft genau diese Begegnungen, an die ich mich noch lange nach einer Reise erinnere. So bekam ich einst in Fort Lauderdale, Florida, gemeinsam mit einem Kollegen einen Einblick in das Leben eines Nudistenehepaares. Im Nachhinein waren wir froh, die Einladung angenommen zu haben, obwohl uns etwas mulmig gewesen war. Übrigens: Wir mussten uns nicht entblössen.

2017 war ich drei Monate in den USA unterwegs, zwei Monate davon allein und zuweilen abseits der Touristenpfade. Im Motel in Gothenburg, Nebraska, löste ich beim Mitarbeiter am Empfang allein durch meine Nationalität Begeisterungsstürme aus. Er hatte zuvor nur Gäste aus den USA und Kanada eingecheckt. Auf dem örtlichen Golfplatz drehte ich mit zwei Klubmitgliedern eine Runde. Irgendwann fragte ich, wo ich im Ort ein saftiges Steak essen könne. Die beiden schauten sich an, und Jay antwortete dann, das einzige gute Restaurant in der Stadt habe kürzlich den Betrieb eingestellt. «Aber das beste Fleisch gibt es sowieso bei mir zu Hause.» Und schon hatte er das Mobiltelefon in der Hand, um seine Gattin anzurufen. Drei Minuten später war ich eingeladen.

Es wurde ein vergnüglicher Abend, nicht nur wegen des leckeren Abendessens. Die Gastgeber waren interessante Gesprächspartner. Wir unterhielten uns weder über das Wetter noch über Schweizer Schokolade. Jay erklärte mir zum Beispiel, weshalb er als Arzt von Obamacare nichts hält, dass aber auch Donald Trump auf dem Holzweg ist. Das Ehepaar war nicht nur gastfreundlich; ich empfand es auch nicht als oberflächlich.

Kurz darauf belegte ich in Kalispell, Montana, einen Fotokurs. Ich war unter den elf Teilnehmern der einzige Nicht-Amerikaner. In der Gruppe wurde vorwiegend übers Fotografieren gesprochen, doch im kleinen Kreis konnte man durchaus auch über Politik reden. Nach dem viertägigen Workshop unternahm ich mit Jim und Harvey, zwei älteren Herren, einen Ausflug in den Glacier National Park. Fototechnisch war der Trip ein Flop, weil die Sicht aufgrund von Waldbränden in der Umgebung schlecht war. Doch auf der Fahrt führten wir allerlei spannende Gespräche; ich erklärte den beiden das politische System der Schweiz und bekam im Gegenzug Einblick in die amerikanische Volksseele. Und beim Mittagessen vertraute uns Harvey die Geschichte vom Tod seiner Gattin an. Der Senior erzählte, wie er seine Frau lange gepflegt und mit ihr noch eine letzte Reise unternommen hatte, bevor sie an Krebs starb. Oberflächlich?

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