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Das Coronavirus und ein Volk von Egoisten

Ich fahre ins Parkhaus des Einkaufscenters und stelle fest, dass mir ein Fahrer, der aus den Pfeilen am Boden zuwiderlaufender Richtung heranbraust, die letzte Lücke in der Reihe wegschnappt. Es bringt nichts, sich wegen einer derartigen Lappalie aufzuregen, denke ich. Kurz darauf liegen im Kabäuschen des Männerklos zwei Kartonrollen, um die mal Toilettenpapier gewickelt war, am Boden, achtlos hingeworfen, der Papierkorb nur zwei, drei Meter entfernt. Was solls? An diesen Anblick hat man sich längst gewöhnt.


Kurz darauf macht sich in der Garderobe des Fitnessstudios einer unnötig breit und belegt eine Bank, die für mindestens drei Personen gedacht wäre. Dem Frieden zuliebe suche ich mir einen anderen Platz. Die Dusche nach dem Training ist stets eine Wohltat. Auf dem kleinen Sims, wo ich mein Duschgel hinstellen will, steht schon eines. Ich nehme mir vor, den Besitzer zu eruieren und es ihm zurückzugeben. Doch als ich die Packung ergreife, erkenne ich: Sie ist leer, nicht vergessen gegangen, sondern absichtlich liegengelassen. Als ich auf den Ausgang zusteuere, sehe ich, wie eine Dame aus einem auf einem Frauenparkplatz abgestellten Auto aussteigt – und mit ihr ein Mann. Ich schüttle den Kopf und denke: Wir sind ein Volk von Egoisten!


Am späten Nachmittag treten drei Bundesrätinnen und ein Bundesrat live im Fernsehen auf. Unsere Landesregierung stuft die Situation wegen der rasanten Verbreitung des Coronavirus als «ausserordentliche Lage» gemäss Epidemiengesetz ein. Sie verfügt unter anderem die Schliessung der Restaurants, Bars und aller Geschäfte, welche keine Lebensmittel anbieten – ab Mitternacht. Und was passiert? Viele geniessen die Frühlingssonne in grossen Gruppen auf Plätzen, frequentieren Bars und lassen sich in den Restaurants Wein und Speis schmecken. Es gibt Gastrobetrieben, die Umsätze machen wie an einem Montagabend sonst nie.


Die Haltung ist klar: Mir kann das Virus wenig anhaben; jetzt lasse ich es mir noch einmal so richtig gutgehen, weil das danach eine Weile nicht mehr möglich sein wird. Wie gedankenlos und selbstgerecht kann man denn sein? Offenbar extrem, wir sind halt ein Volk von Egoisten.


Ja, es ist alles andere als lustig, daheim zu sitzen, statt Sport zu treiben, mit Freunden abzuhängen oder Kulturveranstaltungen zu besuchen. Ja, es ist kaum möglich, zu beurteilen, ob die Massnahmen angemessen sind und ob sie etwas bringen. Doch wenn wir uns nicht an die Vorgaben halten, werden wir es nie herausfinden. Und alle, die sich nicht Mühe geben, die Verbreitung des Coronavirus zu bremsen, tragen eine kleine Mitschuld an jedem Todesfall, den die Krise hervorruft.


Und flacht die Kurve der Anzahl Infizierten nicht ab, wird der Bundesrat schon bald ein Ausgangsverbot verhängen. Dann wäre es nicht einmal mehr möglich, mit dem Hund oder dem Kinderwagen spazieren zu gehen, im Wald zu joggen oder zu zweit eine kleine Velotour zu unternehmen. Es liegt also im Interesse jedes Einzelnen, zu verhindern, dass es nicht soweit kommt. Das müssten wir eigentlich schaffen, schliesslich sind wir ein Volk von Egoisten.

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