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Olympische Winterspiele in Peking – nein danke!

Aktualisiert: 25. Sept.

Am Australien Open waren auf den Rängen immer wieder T-Shirts mit dem Aufdruck «Where is Peng Shuai?» zu sehen. Zum Glück, denn die chinesische Tennisspielerin, deren Schicksal über Wochen viele Menschen bewegt hatte, war schon fast in Vergessenheit geraten. Wo ist Peng Shuai? In Melbourne tauchte die 36-Jährige, einst die Weltnummer 1 im Doppel, erwartungsgemäss nicht auf. Sie wird wohl nie mehr ins Ausland reisen. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie schon bald öffentlichkeitswirksam in Peking auftritt. Oder besser: zur Schau gestellt wird.


Denn am Freitag beginnen dort die Olympischen Winterspiele, welche der chinesische Staat zweifellos als Propagandavehikel nutzen wird. Peng Shuai wurde mundtot gemacht, längst hat sie die Anschuldigungen an den hochrangigen Funktionär Zhang Gaoli zurückgenommen. Hätte der Fall nicht global derart viel Aufmerksamkeit erregt, die 36-Jährige wäre wohl auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Wie unzählige Uiguren, Tibeter und andere Menschen, die dem Regime ein Dorn im Auge sind.


Das Schlimme daran ist: Die Propaganda wird funktionieren. Schon bald sitzen wir alle vor dem Fernseher und jubeln, wenn Marco Odermatts Zwischenzeit eingeblendet wird, wenn Andri Ragettli seine Kunststücke zeigt, wenn Silvana Tirinzoni einen Stein im Haus platziert, wenn an einer Siegerehrung der Schweizer Psalm erklingt. Ich habe etliche gute Analysen zum Fall «Peng Shuai» gelesen oder gehört; doch ab Freitag werden die Reporterinnen und Kommentatoren derselben Medien über Wachsprobleme, Hundertstelentscheidungen, Überraschungen und Enttäuschungen berichten und so China die gewünschte Plattform bieten.


Die Sportlerinnen und Sportler tun mir leid, müssen sie ihren Saison- oder vielleicht sogar Karrierehöhepunkt in einem totalitären Staat erleben, in dem Menschenrechtsverletzungen System haben. Für alle anderen, die sich an diesem Zirkus beteiligen, habe ich null Verständnis. Wer sich mit dem Argument entschuldigt, grosse Sportanlässe trügen zur Völkerverständigung bei und könne politisch Positives bewirken, ignoriert die Fakten: China tritt gegen Innen und Aussen deutlich skrupelloser auf als noch zur Zeit der Olympischen Sommerspielen 2008. Russland, Gastgeber der Winterspiele 2014 und der Fussball-WM 2018, versammelt gerade an der Grenze zur Ukraine die Truppen.


China, man muss es leider so drastisch formulieren, ist der bedenklichste und gefährlichste Staat, den dieser Globus zu bieten hat. Es ist Furcht erregend, mit welcher Präzision und Systematik die kommunistische Partei ihre Interessen durchsetzt. Dabei ist den Machthabern jedes Mittel recht: Zensur, Drohung, Gewalt.


Als im Oktober der damalige Sportchef des Basketballteams Houston Rockets, Daryl Morey, die Protestierenden in Honkong mit der Twitter-Nachricht «Kämpft für Freiheit, steht zu Hongkong» unterstützte, fielen die Reaktionen heftig aus. Die NBA-Spiele wurden im chinesischen Fernsehen und auf den Streaming-Diensten des Landes nicht mehr gezeigt (die Rockets, in China das beliebteste Team, waren die ganze Saison nicht zu sehen), etliche Sponsoren setzten die Zahlungen aus. Man muss sich die Sache konkret vor Augen führen, um die Absurdität zu erkennen: Wegen der sechs Wörter, die eine einzelne Person im World Wide Web abgesondert hatte, verlor die weltbeste Basketballliga Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe.


Es ist nur ein Beispiel, aber es zeigt exemplarisch, dass China seine Machtposition immer skrupelloser ausnützt und bereit ist, den Rest der Welt in Geiselhaft zu nehmen. Denn wir haben uns in eine gefährliche Abhängigkeit gegeben. Nicht, weil wir die Chinesen sympathisch finden, weil sie gute Arbeitsbedingungen bieten, weil sie ökologisch produzieren oder für unerreichte Qualität sorgen. Der einzige Grund sind die wirtschaftlichen Vorteile – oder in einem Wort: Geldgier!


Mir ist klar: Nicht jeder kann es sich leisten, aus edlen Motiven auf billige Waren zu verzichten. Aber die anderen sollten dieses monströse Unrechts-Regime nicht noch unterstützen. Daher: Wenn immer möglich, Hände weg von Produkten «Made in China»! Das ist schon schwierig genug, wird feststellen, wer beim Einkaufen das Herstellungsland kontrolliert. Die Abhängigkeit...


Und ja, ich werde mich in den nächsten zweieinhalb Wochen den Fernsehübertragungen aus Peking verweigern. Obwohl es mir als riesigem Sportfan beinahe das Herz bricht!

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